Wie wir die geflüchteten Menschen in Grasellenbach mit Freifunk versorgt haben

Seit einem guten halben Jahr gibt es nun das Projekt "Freifunk Rhein Neckar hilft". Das Ziel des Projektes ist es, geflüchtete Menschen in der Rhein-Neckar-Region mit freiem Netz zu versorgen. Gestern konnten wir die erste Unterkunft per Richtfunk mit Internet versorgen und haben so den Grundstein für den Erfolg des Projektes gelegt. Aber beginnen wir von vorne:

Mitte September kam Andre Arnold, Freifunker aus Grasellenbach, mit dem Plan auf die übrige Freifunk Community zu, die Flüchtlingsunterkunft in Grasellenbach mit Internet über Freifunk zu versorgen. Er hat dabei berichtet, dass er mit dem Betreiber der dortigen Flüchtlingsunterkunft bereits alles Wesentliche abgesprochen hat und einer Umsetzung so nichts (politisches) mehr im Weg steht. Da er die Örtlichkeiten kennt, konnte er schon eine erste Abschätzung der benötigten Hardware abgegeben. Dies hat es uns ermöglicht, schon am gleichen Tag einen Spendenaufruf zu starten.
Die Resonanz auf diesen Aufruf hat uns selbst überrascht. Nachdem wir ihn in verschiedenen sozialen Medien veröffentlicht hatten, konnten wir schon nach knappen drei Stunden das Erreichen des Spendenziels von 350€ für die benötigte Hardware verkünden.

Durch die hohe Spendenbereitschaft konnten wir bereits in der darauffolgenden Woche die benötigten Komponenten bestellen. Dazu gehört spezielle Richtfunk Hardware um weite Strecken per WLAN zu überbrücken, WLAN Accespoints für die Ausstattung der Räumlichkeiten und natürlich viele Meter Kabel.

Damit beim Aufbau vor Ort genügend Helfer zur Verfügung stehen, haben wir in unserem Forum einen Hilfsaufruf gestartet. Dort haben sich dann neben Andre auch noch Ben Oswald, Timo Hummel und Lukas Bisdorf gemeldet, um beim Aufbau in der Unterkunft zu helfen.

Gestern am dritten Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit war es dann so weit. Wir machten uns bepackt mit Werkzeug, der Hardware und jeder Menge Kabeln auf den Weg nach Grasellenbach. Nach einer herzlichen Begrüßung durch den Betreiber und die Bewohner wurden wir durch das Anwesen geführt, um einen ersten Überblick über die Gesamtsituation und ihre Eigenheiten zu bekommen. Das alte, relativ große Hotel besteht im Wesentlichen aus zwei Gebäudeteilen, die jeweils drei Stockwerke hoch sind. Darüber liegen auf zwei Etagen die Zimmer. Über das gesamte Dachgeschoss erstreckt sich eine weitläufige, ungenutzte Penthouse Wohnung. Glücklicherweise verfügt diese über einen Balkon mit direkter Sichtverbindung zum Dach von Andre.

Da das Hotel über keinen einen eigenen Internetanschluss verfügt, haben wir über den Balkon im Dachgeschoss eine Richtfunkstrecke, zur Gegenstelle auf Andres Dach aufgebaut. Über die Strecke von fast 400 Metern wären wir in der Lage 300 MBit/s zu übertragen. Andre hat sich daher dazu entschieden, seinen gesamten Anschluss (DSL mit 50 MBit/s) nun mit den Bewohnern der Unterkunft zu teilen. Daher bleiben noch gute 250 MBit/s für einen Ausbau der Strecke frei. Die Montage bei Andre war schnell erledigt, denn dort gab es schon an der richtigen Stelle einen Antennenmast.
Bei der Flüchtlingsunterkunft war das etwas anders. Hier mussten wir, um die Antennen auf dem Balkon montieren zu können, erst einen kleinen Mast montieren. Dabei haben uns dann auch die Bewohner tatkräftig unterstützt. So konnte der Mast stabil an der Balkon Brüstung befestigt werden. Nach einer guten Stunde auf beiden Dächern, konnten wir die Strecke in Betrieb nehmen, und mit dem Verlegen der Kabel anfangen.

Nachdem die Antennen montiert waren, haben wir das erste Kabel über die Außenseite des Gebäudes nach unten in das Schulungszimmer verlegt. Wir hatten zuerst einige Schwierigkeiten das Kabel wieder zurück in das Gebäudeinnere zu legen, da die Wände zu dick für unsere Bohrer waren. Zum Glück entdeckte dann ein Bewohner ein kleines Kabelloch in einem Rollladenkasten. Das konnten wir nutzen, um das Kabel in einen Nebenraum zu verlegen. Damit das Kabel auch durch das dünne Loch passte, war es nötig, es von seinem Stecker zu trennen. Nachdem wir das Kabel durch die Wand geführt hatten, mussten wir wieder einen neuen Stecker an das Kabel anschließen. Glücklicherweise ist einer der Bewohner Netzwerktechniker und hat uns den Stecker wieder angecrimpt (Mehrer Versuche unseres Teams sind aufgrund der nicht 100% passenden Kabel gescheitert :D ).

Dann waren wir endlich mit unseren Kabeln im Schulungszimmer angekommen und konnten unseren ersten Freifunk Router anschließen. Von dort aus verlegten wir zusammen mit den Bewohnern, ein weiteres Kabel in das ehemalige Restaurant, welches heute als Aufenthaltsraum dient. Dort konnten wir dann einen weiteren Access Point platzieren. Somit konnten wir große Teile des Erdgeschosses, der Terrasse, sowie den Garten abdecken.

Als letzten Schritt haben wir einen weiteren Knoten, der den Uplink via Mesh bekommt, im ersten Obergeschoss platziert. Darüber können die Bewohner im ersten Stock, auch auf ihren Zimmern, ins Netz. Leider war es zu diesem Zeitpunkt schon sehr spät, und wir hatten keine weiteren Knoten, um auch noch das zweite Geschoss zu versorgen. Wer also hier einen Beitrag leisten möchte, kann uns noch mit einer Spende unterstützen. So können wir demnächst die Unterkunft weiter ausbauen.

Dann kam der spannendste Moment: Wir schalteten das Netz frei und zeigten den Bewohnern mit welchem Netzwerk sie sich verbinden müssen. Dazu hatten sich so gut wie alle (schätzungsweise 50) im Aufenthaltsraum mit ihren Smartphones versammelt. Nach zwei Minuten waren alle verbunden und konnten ins Netz! Ich glaube, wir haben noch nie so viele Leute auf einen Schlag glücklich gemacht. Jedenfalls strahlten alle und haben sich bei uns für das funktionierende Internet bedankt.

Diese Freude ist auch nicht verwunderlich, da ein solcher Internetzugang für die geflüchteten Menschen die einzige Möglichkeit ist, kostenfrei mit den Verwandten in der Heimat in Kontakt zu bleiben.

Da der Betreiber sich sehr über unsere Initiative den Bewohnern Internet zur Verfügung zu stellen gefreut hat, hat er uns im Anschluss noch eine Spende zukommen lassen.

Da wir noch mehr Unterkünfte in der Region ans Internet anbinden möchten, brauchen wir Hilfe. Du kannst uns dabei durch persönliches Engagement oder auch durch Spenden helfen.